Rosa Jochmann

Widerstandskämpferin, sozialdemokratische Politikerin

* 1901   † 1994

 

Lebenslauf

Rosa Jochmann wurde am 19. Juli 1901 in Wien geboren. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie, die aus Mähren zugewandert war. Ihr Vater Karl (1876 bis 1920) war engagierter Sozialdemokrat und Eisengießer. Die Mutter Josefine (1874 bis 1915) arbeitete als Wäscherin und Putzfrau. Rosa hatte fünf Geschwister, sie war die drittjüngste.

Die Mutter zog kurz nach Rosas Geburt von der Brigittenau nach Simmering. Dort besuchte sie die Volks- und die Bürgerschule. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter war es ihre Aufgabe, sich um ihre jüngeren Geschwister zu kümmern. Ihr Interesse für Politik war durch ihren Vater geweckt worden, der seine Frau um fünf Jahre überlebte.

Im Alter von 14 Jahren begann sie in ihrer ersten Anstellung als Hilfarbeiterin bei der Süßwarenfabrik Victor Schmidt & Söhne zu arbeiten. Ab dem Jahre 1916 musste sie als kriegsdienstverpflichtete Arbeiterin in den Simmeringer Draht- und Kabelwerken Ariadne agieren.

Betriebsratsobmann, Sekretärin, Arbeiterhochschule, erste politische Ämter

Die junge Arbeiterin setzte sich bei einer Versammlung für eine bei den Lohnerhöhungen übergangene Putzfrau ein.

Mit Anfang 20 wurde Rosa Jochmann “Betriebsratsobmann”. Eine ihrer Aufgaben war es auch, Kündigungslisten zusammen zu stellen. Sie trug sogar ihre eigenen Schwestern ein, obzwar es der Familie an vielem fehlte. Dadurch wollte sie andere Familien schonen.

Mitte 20 geworden war es ihr möglich, durch ihre Arbeit als Sekretärin für die Chemiearbeitergewerkschaft für ein halbes Jahr auf die Arbeiterhochschule in Döbling zu gehen. Dort unterrichtete auch der Austromarxist Otto Bauer.

In der Frauenorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei begann ihre politische Laufbahn. 1931 folgte ihre Bestellung zur Frauenzentralsekretärin. 1933 wurde sie als jüngstes Mitglied in den Parteivorstand gewählt.

Mitglied der Revolutionären Sozialisten, ein Jahr schwerer Kerker, Reise zu Otto Bauer

Sie gehörte zu jenen, die nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei 1934 Otto Bauer zur Flucht drängten. Rosa Jochmann schloß sich nach dem Februar 1934 den Revolutionären Sozialisten an, wobei sie den Decknamen Josefine Drechsler verwendete. Mit Karl Holoubek, Roman Felleis und Ludwig Kostrun bildete sie das erste (illegale) Zentralkomitee, das unter der Leitung von Manfred Ackermann stand. 1935 wurde sie wegen Verbreitung illegaler Schriften zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt.

Der Bundeskanzler Kurt Schuschnigg war kurz vor dem Anschluss an Deutschland zaghaft bemüht, eine Versöhnung mit der Arbeiterbewegung zu suchen. Dies nahm Rosa Jochmann zum Anlass, noch einmal nach Brünn zum führenden Parteiideologen Otto Bauer zu reisen.

Verhaftung durch die Gestapo, Frauen-KZ Ravensbrück, Rückkehr in die Heimat

Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs im August 1939 verhaftete sie die Gestapo. Im März 1940 wurde sie mit dem Vermerk "Rückkehr unerwünscht" ins Frauen-KZ Ravensbrück deportiert. Erst nach der Befreiung des Lagers durch russische Truppen konnte sie in ihre Heimat zurück kehren. Sie wollte jene nicht zurücklassen, die aus eigener Kraft das Lager nicht verlassen konnten. Nachdem klar geworden war, dass das Warten auf die österreichische Regierung, die Kranken abzuholen, vergebens ist, begab sie sich mit ihrer Lagergefährtin Friedl Sedlacek auf den Weg in Richtung Wien, um Transportautos zu organisieren.

Mitglied des Nationalrats, zahlreiche politische Funktionen, Vorsitzende des Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer, Vizepräsidentin des DÖW

Noch 1945 wurde Rosa Jochmann in den Nationalrat gewählt, wo sie bis 1967 wirkte. Im “biographischen Handbuch des Nationalrats” trug sie sich schlicht als “Arbeiterin” ein. Sie war auch Mitglied des Parteivorstandes der SPÖ, ab 1945 Frauen-Zentralsekretärin und von 1947 bis 1967 Vorsitzende des Frauen-Zentralkomitees der SPÖ. Zudem war sie von 1956 bis 1967 Mitglied der Parteiexekutive der SPÖ und stellvertretende Vorsitzende der SPÖ. 1959 wurde sie SPÖ-Frauenvorsitzende.

Von 1948 bis 1990, also unglaubliche 42 Jahre lang, war Rosa Jochmann Vorsitzende des Bundes sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus. 1963-1994 war sie Vizepräsidentin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Sie war in diesem Zusammenhang stets bemüht, das Andenken an die Greuel des Faschismus lebendig zu erhalten.

Unermüdliche Zeitzeugin, Gespräche mit jungen Menschen, Lichtermeer

Fred Sinowatz, damals Unterrichtsminister unter sozialistischer Alleinregierung, regte an, das "Unterrichtsprinzip Politische Bildung” einzuführen. Rosa Jochmann agierte sodann in hohem Alter als unermüdliche Zeitzeugin, die hunderte Schulen besuchte und unzählige Gespräche mit jungen Menschen führte. Mehr als 8.000 Briefe belegen, wie sehr sie bis zuletzt in dieser Aufgabe aufging.

Am 23. Jänner 1993 hatte Rosa Jochmann als Rednerin ihren letzten großen Auftritt beim “Lichtermeer”, der größten Demonstration der Zweiten Republik, gegen das Anti-Ausländer-Volksbegehren „Österreich zuerst“ der FPÖ. Es zogen damals rund 300.000 Menschen mit Fackeln und Kerzen durch die Wiener Innenstadt. Treffpunkt war der Heldenplatz, also jener Platz, auf dem Adolf Hitler im Jahre 1938 im Rahmen des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich jubelnd empfangen worden war.
Es traten auch Persönlichkeiten wie Kardinal König und Andre Heller sowie viele andere auf, zudem gab es ein reichhaltiges musikalisches Rahmenprogramm.

Ehrungen und Preise

1971 Bürgerin der Stadt Wien
1980 Dr. Karl Renner Preis
1981 Ehrenbürgerin der Stadt Wien

  1. Fernsehpreis der Österreichischen Erwachsenenbildung 1981 (gemeinsam mit Dr. Edeltraud Brandstaller-Keller) für den Prisma-Beitrag "Rosa Jochmann"

Werke (Auswahl)

Nein zum Neo-Faschismus. Begrüßungsansprache an die Bundeshauptversammlung 1977. In: Rosa Jochmann / Josef Hindels: 30 Jahre Sozialistische Freiheitskämpfer. [Hg. und Verleger Dr.-Karl-Renner-Institut]. Wien: 1977 (Zeitdokumente, 6), S. 3-6
Wir kommen wieder – bis die Veilchen blühn. In: März 1938. Gedenken und Mahnung. [Hg. im Auftrag des Bundesvorstandes der Sozialistischen Freiheitskämpfer Österreichs]. Wien: o. J. [1978], S. 33-35
Briefe, Reden, Interviews. In: Rosa Jochmann - Porträt einer Sozialistin. Wien: Verlag der SPÖ o. J. [1986] (Zeitdokumente, 40)
Nachwort in: Helmut Brenner: Stimmt an das Lied… Das große österreichische Arbeitersänger-Buch. Graz / Wien: Leykam 1986, S. 226
Rosa Jochmann. Ein Kampf, der nie zu Ende geht. Reden und Aufsätze. [Hg. und mit einer biographischen Eileitung von Hans Waschek]. Wien: Löcker 1994
Autobiographisches. Erste Rede im Nationalrat. In: Franz Richard Reiter [Hg.]: Wer war Rosa Jochmann? Wien: Ephelant 1997 (Dokumente, Berichte, Analysen, 9), S. 7-29

Literatur (Auswahl)

Maria Emhart: Briefe aus dem Gefängnis. Korrespondenz mit Rosa Jochmann 1935-1936. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung: Dokumentation 4/2001
Hanns Jäger-Sunstenau: Die Ehrenbürger und Bürger ehrenhalber der Stadt Wien. Wien: Deuticke 1992 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte, 23), S. 77, 86
Rosa Jochmann, Porträt einer Sozialistin. Wien: Verlag der SPÖ o. J. [1986] (Zeitdokumente, 40)
Rosa Jochmann 1901-1994. Demokratin, Sozialistin, Antifaschistin. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung: Dokumentation 2/2001
Rosa Jochmann. Eine außergewöhnliche Frau. 1901-1994. Briefe-Fotos-Dokumente. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung: Dokumentation 3 & 4/2008
Rosa Jochmann † [Nachruf]. In: Mitteilungen des DÖW, Folge 115, Februar 1994, S. 1
Walter Kleindel: Das große Buch der Österreicher. 4500 Personendarstellungen in Wort und Bild, Namen, Daten, Fakten. Unter Mitarbeit von Hans Veigl. Wien: Kremayr & Scheriau 1987
Franz Richard Reiter [Hg.]: Wer war Rosa Jochmann? Wien: Ephelant 1997 (Dokumente, Berichte, Analysen, 9)
Maria Sporrer / Herbert Steiner [Hg.]: Rosa Jochmann. Zeitzeugin. Wien [u. a.]: Europaverlag 1983
Andrea Steffek: "Das Leben hat mich zur Sozialistin gemacht." Das Leben von Rosa Jochmann von 1901-1945 als Grundlage für das Verständnis ihrer Tätigkeit als Mahnerin gegen Faschismus, Nationalsozialismus und das Vergessen. Dipl.-Arb. Univ. Wien. Wien: 1998
Andrea Steffek: Rosa Jochmann – "Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht." Wien: ÖGB [et al. ] 1999 (Schriftenreihe des Instituts zur Erforschung der Geschichte der Gewerkschaften und Arbeiterkammern, 7)

Tod

Rosa Jochmann starb am 28. Jänner 1994 nach einem Herzanfall im Wiener Hanusch-Krankenhaus.

Gedenktafel

Gedenktafel an Jochmanns einstigem Wohnhaus in Simmering, Braunhubergasse 25

Nachlass

Seit 2001 befindet sich der Nachlass von Rosa Jochmann im Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung (VGA), bestehend aus Korrespondenz (durch Jahrzehnte), Manuskripte, Kalender, unveröffentlichte Interviews, Reden, Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Berichte über das KZ Ravensbrück, Fotos. Es gibt 10 Kartons, 70 Mappen und Fotoalben.

Rosa Jochmann als "Namenspatronin"

Die Benennung des Rosa-Jochmann-Ringes am Leberberg (1995),
die ebenfalls in Simmering gelegene und 1994 von den Architekten Wolfgang Reder und Hermann Czech errichtete Rosa-Jochmann-Schule, Fuchsröhrenstraße 21-25, und der Rosa-Jochmann-Park, 2., Weintrauben­gasse 23, erinnern an die "Grande Dame" der österreichischen Sozialdemokratie.

Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof

Gruppe 14C, Nr. 01A

Weblinks

Wir erinnern uns

Sie sind eingeladen, Ihre persönliche Erinnerung an
Rosa Jochmann nieder zu schreiben.

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